Seiten

26. Juni 2012

Tastengewaltig: Klavierprogramm beim Schleswig-Holstein Musik Festival 2012

Introvertiert, virtuos, temperamentvoll oder tiefgründig: Musikern werden gern Eigenschaften zugeordnet, die versuchen, ihren Stil auf den Punkt zu bringen. Doch führen solche „Etiketten“ nicht letztlich in die Irre? Das Schleswig-Holstein Musik Festival jedenfalls tritt mit seinen zahlreichen bedeutenden Gastpianisten den Beweis an, dass viele Wege nach Rom führen – und dass der Introvertierte nicht weniger virtuos, die Temperamentvolle nicht weniger tiefgründig sein muss.



Um Arcadi Volodos gerecht zu werden, heißt es Abschied nehmen von liebgewonnenen Schubladen wie dem „Virtuosentum“ im Gegensatz zur „tiefgründigen“ Kunst. Mit seinem Spiel und seinem Musikverständnis widersetzt er sich rigoros solcher Kategorisierung. „Der Aufbau einer phantastischen Welt, das Spiel mit dem Schein und dem Sein“, das Vermitteln der „unbedingten Emotionalität“ von Musik: Diese Qualitäten stehen für Volodos stets im Vordergrund, ob es sich bei dem fraglichen Komponisten nun um Liszt oder Beethoven handelt. So gehen in seiner Kunst tiefgründiger Ausdruck und technische Brillanz Hand in Hand für vollkommenen Kunstgenuss. (18.7. Wotersen)

Ein wahres Kraftwerk unter den Pianisten ist Denis Matsuev. Seit seinem Sieg beim Tschaikowsky-Wettbewerb im Jahr 1998 zählt er zu den ganz Großen seiner Zunft, wie zahlreiche Preise und umjubelte Auftritte in aller Welt belegen. Mehr als 160 Konzerte im Jahr zu spielen, ist für ihn keine Anstrengung: „Die Bühne heilt mich“, wie er in einem Interview erklärte. Die innige Verbindung zu seiner Kunst zeigt sich auch in Matsuevs Verhältnis zur Musik und ihren Komponisten. „Wenn man mich fragt, was meine Lieblingsmusik ist, dann sage ich immer: ‚Das ist die, die ich heute Abend auf der Bühne spiele.’“ (19.7. Kiel)

Anna Vinnitskaya kann bereits auf eine beachtliche Karriere zurückblicken. Im Jahr 2007 gewann sie den ersten Preis beim renommierten Concours Reine Elisabeth in Brüssel, im Jahr darauf wurde ihr beim Schleswig-Holstein Musik Festival der Leonard Bernstein Award der Sparkassen-Finanzgruppe verliehen. Im Jahr 2009 dann wurde sie mit nur 26 Jahren auf eine Hauptfachprofessur für Klavier an der Hamburger Musikhochschule berufen. Anna Vinnitskayas stark klangorientiertes, fast gesanglich zu nennendes Spiel begeistert ihr Publikum weltweit, bei Solorecitals ebenso wie bei Auftritten mit Orchester. (23.7. Plön)

Radu Lupu überlegte zu Studienzeiten noch Komponist zu werden, entschied sich dann aber doch für die Pianistenlaufbahn – und der Erfolg gibt ihm recht. Bekannt ist der legendäre, heute in London lebende Künstler für seine genialen Interpretationen vor allem der Werke deutscher Komponisten des 19. Jahrhunderts – und für seine notorische Öffentlichkeitsscheu: Interviews verweigert er konsequent. So spricht Radu Lupu allein durch die Musik zu seinem Publikum, das allerdings mit einer Ausdrucksgewalt und Tiefe der künstlerischen Aussage, die alle Worte überflüssig macht. (3.8. Hamburg-Marmstorf, 4.8. Lübeck)

Mit ihrer Einspielung von George Gershwins „Rhapsody in Blue“, die kurz nach ihrem Erscheinen eine Goldene Schallplatte erhielt, eroberten die Schwestern Katia und Marielle Labèque 1981 die Musikwelt im Sturm. „I see fireworks when those girls play!“, kommentierte Gershwins Bruder Ira damals beeindruckt. Und das war erst der Anfang der kometenhaften Karriere des temperamentvollen Klavierduos. Mittlerweile Inhaberinnen eines eigenen Plattenlabels, machen die Französinnen weiterhin Furore mit ungewöhnlichen Projekten quer durch alle Stile, denn: „Wir machen das, weil wir das machen wollen. Nicht, weil es gut für unsere Karriere ist.“ (3.8. Kiel, 4.8. Elmshorn)

„Für einen Musiker ist die Stille in der Musik sehr wichtig“, äußerte Leif Ove Andsnes 2011 in einem Interview. Vielleicht bot sich auch darum das Klavier als sein ideales Instrument an – ein Instrument, das den Künstler „in eine einsame Welt“ führt. Der Norweger gilt als introvertierter, nachdenklicher Künstler: einer, dessen Ausdruckskraft mehr aus durchdachter, wohlüberlegter Interpretation schöpft als auf brillanten Effekten. Dass Publikum und Kritiker diese Herangehensweise sehr zu schätzen wissen, beweisen Andsnes’ zahlreiche Preise und Auszeichnungen sowie die nicht nachlassende Nachfrage, der sich seine Auftritte international erfreuen. (12.8. Altenhof)

Bach, Mozart, Beethoven, Schubert, Schumann, Brahms, Chopin: Das künstlerische Interesse Murray Perahias galt von Beginn seiner Karriere an den Klavierwerken der ganz Großen. Stets auf der Suche nach dem Schlüssel zum Geheimnis der Musik, gilt der gebürtige New Yorker als Purist, als strenger, intellektueller Künstler. Zugleich jedoch ist sein Streben nach dem Durchdringen der Werke beseelt von einem Bedürfnis des Herzens: dem Wunsch, die Musik unverfälscht in ihrer Emotionalität, in ihrer Seele zu erfassen. „Wie schaffen Beethoven und Mozart eine Welt in einem einzigen Stück? Das ist es, was mich fasziniert.“ (17.8. Kiel)

Als „das deutsche Jazzwunder“ und „einen der großartigsten jüngeren Pianisten hierzulande“ bezeichnen Rezensenten Michael Wollny. Wie kaum ein anderer Musiker steht der gebürtige Schweinfurter für den noch jungen deutschen Jazz. Dabei beruft er sich beim Musizieren nicht nur auf die Musik jenseits des Atlantiks, sondern explizit auch auf die europäische Musiktradition. Jazz und Klassik sind für ihn keine konkurrierenden Systeme, sondern ergänzen und bereichern sich gegenseitig. Beim diesjährigen Festival wird Michael Wollny nicht nur als Solokünstler, sondern auch in seiner gefeierten Trioformation auftreten. (17.7. Hamburg, 18.7.Altenhof)